(erstellt: Organist Holger Becker)
1. Orgel
Als 1861-63 die neue Pfarrkirche erbaut wurde, sollte in dieser eine dem Raum angepasste neue Orgel aufgestellt werden. Die Baudirektion hatte hierfür einen Plan erstellt und die Größe der Orgel auf 22 Register festgelegt. Ein entsprechender Dispositionsvorschlag wurde am 04. Oktober 1862 der Großherzoglichen Regierung des Mittelrheinkreises bzw. dem Orgelinspektor Gaa (Hoforganist in Karlsruhe) zur Prüfung und Genehmigung vorgelegt. Mit den Orgelbauern Schlimbach (Speyer), Hübner (Bruchsal) und Voit (Durlach) wurden zwei „Inländer“ sowie ein „Ausländer“ (Schlimbach) in die engere Auswahl bezogen, wobei die Präferenzen sowohl des Bietigheimer Gemeinderates als auch des Oberamtes Rastatt eindeutig bei den beiden „Inländern“ lagen.
Zum 07. Januar 1863 wurden vom Gemeinderat daher die beiden Orgelbauer Hübner und Ludwig Voit zu einer „Tagfahrt“ bzw. „Steigerung“ nach Bietigheim eingeladen. Bei diesem Termin sollten jeweils die günstigsten Konditionen ausgehandelt und letztendlich der Auftragnehmer ausgesucht werden. Voit weigerte sich allerdings an einem solchen Verfahren teilzunehmen, da Hübner im Gegensatz zu ihm keine Geschäftseinrichtung besitze und dieser gerade in Bezug auf die laufenden Geschäftskosten so niedriger kalkulieren konnte.
Somit erschien nur Hübner zu dem oben genannten Termin; die Gemeinde einigte sich mit ihm zum Bau einer neuen Orgel zum Preis von 4.400 Gulden. Der ursprünglich vorhandene Wunsch, wonach die Orgel bis zur Kirchweihe im Oktober 1863 fertig gestellt sein sollte, konnte aber nicht verwirklicht werden. Mit der Fertigstellung dauerte es bis 1865: Am 16. Mai 1865 wurde die neue Orgel geprüft.
Ihren Standort fand die aus 2 Manualen und Pedal bestehende Orgel in der Turmkammer der unteren (heute noch vorhandenen) Empore; die bis 1882 vorhandene obere Empore begrenzte die vorhandene Raumhöhe erheblich, so dass nach einem Bericht des Orgelinspektors Gageur vom 07. September 1881 offenbar nur ein 4’-Prospekt erstellt werden konnte. Gleichzeitig war die Belüftung der Orgelkammer deutlich eingeschränkt, was diesem Instrument, zumindest zum Teil, zum Verhängnis werden sollte.
Das Ortsbereisungsprotokoll vom 20. August 1879 berichtet:
„In dem Rathhaus werden auch verschiedene Theile der gegenwärtig in der Kirche befindlichen Orgel aufbewahrt, welche in Folge der Feuchtigkeit des Platzes, wo die Orgel aufgestellt ist, unbrauchbar geworden sind. Die Orgel wird von der Gemeinde gestellt und die jetzige Orgel geht an ihrem gegenwärtigen Platze durch die Feuchtigkeit voraussichtlich vollständig zu Grunde“
In diversen Schriftstücken wurden Mutmaßungen zur Ursache geäußert. Im Wesentlichen sah man Wassereintritt über die Schallöffnungen des Turmes und die schlechte Belüftung der Orgel für ihren Zustand verantwortlich. Desöfteren wurden Reparaturen von den Orgelbauern Eckart und Voit durchgeführt. Allerdings trug man sich zunehmend mit dem Gedanken eines Orgelneubaus, da die Orgel als irreparabel angesehen wurde. Dieser erfolgte dann auch im Jahre 1882; jedoch war die Geschichte der Hübner-Orgel hiermit noch nicht zu Ende: Der Erbauer (Voit) des Nachfolgeinstruments nahm sie in Zahlung und baute sie im Jahre 1885 wohl nach entsprechender Restaurierung bzw. Aufarbeitung in der evangelischen Kirche Elztal-Auerbach wieder auf. Das folgende Bild zeigt sie dort um das Jahr 1930 (Quelle: Orgelarchiv der Waldkircher Orgelstiftung: Bernd-Sulzmann-Archiv www.waldkircher-orgelstiftung.de):
2. Orgel
Nach nur 16 Jahren war die Hübner-Orgel in desolatem Zustand und galt als irreparabel, so dass ein Neubau angestrebt wurde. Offensichtlich wurde zu dieser Zeit nur noch ein Manual der Orgel bespielbar gehalten, da E.F.Walcker in seinem Angebot für einen Neubau (er erhielt allerdings nicht den Zuschlag) im Jahre 1881 bezüglich der Übernahme der alten Orgelteile berichtet:
„Was nun das alte Orgelwerk anbelangt, so thut es uns nachdem wir es genau besichtigt u untersucht haben sehr leid, dafür nicht den veranschlagten Preis von Rmk 500.- geben zu können, denn die im Schulhaus liegende große Pedallade ist völlig unbrauchbar weil schon zum Theil vom Wurm zerfressen, die im Rathhaus lagernde 2te Manuallade u die dortigen Regierwerkstheile sind ebenfalls werthlos u können somit nur die gegenwärtig noch in Benutzung stehenden Orgeltheile als einen wirklichen Werth repräsentierend bezeichnet werden; das herumliegende Pfeifenwerk ist meist ganz aus dem Leim u zum Theil so zerfallen dass die Reparaturkosten den Werth desselben übersteigen würden. Mehr als Rmk 250.- könnten wir daher für das alte Werk nicht anlegen.“
Orgelinspektor Gageur aus Karlsruhe empfahl daher auch einen für die Größe der Kirche passenden Orgelneubau mit einem 8’-Prospekt und entwarf einen Dispositionsvorschlag, welcher Grundlage für eine entsprechende Ausschreibung sein sollte:
| I Manual | ||
| 1. Prinzipal 8’ | vollständig von Zinn im Prospekt und stark intoniert | |
| 2. Viola di Gamba | vollständig von Zinn | |
| 3. Flöte 8’ | offen | |
| 4. Salicional 8’ | Zinn | |
| 5. Trompete 8’ | ||
| 6. Gedeckt 8’ | ||
| 7. Flöte trav. 4’ | ||
| 8. Oktave 4’ | Zinn | |
| 9. Oktave 2’ | Zinn | |
| 10. Mixtur 3 fach. | ||
| II Manual | ||
| 11. Salicional 8’ | Zinn | |
| 12. Flöte 8’ | ||
| 13. Voix celeste 8’ | ||
| 14. Aeoline 8’ | ||
| 15. Dolce 4 | ||
| Pedal | ||
| 16. Octavbass 8’ | ||
| 17. Subbass 16’ | ||
| 18. Violonbass 16’ | stark intoniert. |
Die Ausschreibung erbrachte vier Angebote (Burkard aus Heidelberg, Dörr aus Hardheim, Voit aus Durlach und Walcker aus Ludwigsburg), von denen das Angebot der Firma Voit & Söhne, die bisher schon für Wartung und Reparatur der Orgel zuständig war, den Zuschlag erhielt:
Disposition für eine neue Orgel in die kathol. Kirche zu Bietigheim
Das Werk ist angelegt für 18 klingende und 5 Hilfsregister; zu zwei Manualen a 54 Tasten = C-f³ und einem Pedal a 25 Tasten = C-c’. Stimmung a’ = 870 Vibr.
| I tes Manual | Anzahl der Pfeifen | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 1. Prinzipal 8’ | Vom tiefen C im Prospect bis h von fein Zinn; Fortsetz. C’ bis f³ Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 2. Bourdon 16’ | C-h’ Holz und Fortsetz. Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 3. Viola di Gamba 8’ | von Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 4. Flöte 8’ | von Fichten, Birnb. + Ahorn-Holz | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 5. Gedeckt 8’ | C-h Holz u. Fortsetz. Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 6. Octave 4’ | C bis H im Prospect dito wie No 1 | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 7. Hohlflöte 4’ | C bis H Holz; Fortsetz. V. Probz. | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 8. Octave 2’ | von Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 9. Mixtur 2 2/3’ | von Probzinn | 210 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Kombination: |
| | --- 642 Pf. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| II tes Manual | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 10. Salicional 8’ | C-H Holz offen, Forts. Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 11. Aeoline 8’ | Von Probzinn, C-H mit Salic. | 42 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 12. Lieblich Gedeckt 8’ | C-h v. Holz; Forts. Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 13. Vox coelestis 8’ | von f° mit Aeoline schwebend Probzinn | 37 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 14. Fugara 4’ | Von Probzinn | 54 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Pedal | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 15. Sub-Bass 16’ | Von fein Tannenholz; Kern, Vorschläge, Labien u. Füße Birnb. Holz | 25 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 16. Violon-Bass 16’ | Material wie Subb. Die 7 tiefsten mit Quinte 5 1/3’ combiniert; kräftig, streichend | 32 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 17. Octav-Bass 8’ | Material w. Subb. | 25 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| 18. Posaun-Bass 8’ | Aufschlagende Zungenstimme; Von Probzinn | 25 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| --------------------------- Totalanzahl der Pfeifen = 990 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| a. Koppelzüge: | Ein Zug zur Verbind. des I Man. zum II Man. Ein Zug zur Verbind. des I Man. zum Pedal Ein Zug zur Verbind. des II Man. zum Pedal | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| b. Kollectivzüge: | Ein Zug für das Piano-Spiel Ein Zug für das Forte-Spiel | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Nachdem die obere Empore aus der Kirche entfernt worden war, erfolgte im Jahre 1882 der Neubau dieser Orgel durch die Firma Voit & Söhne zu einem Preis von 8500 Mark. Am 06. Oktober 1882 fand die Orgelabnahme durch Orgelinspektor Gageur statt.
1917 mussten die 37 Prospektpfeifen aus Zinn kriegsbedingt abgegeben werden; diese wurden erst im Jahr 1926 im Rahmen einer Generalüberholung der Orgel durch die Firma Hess & Binder aus Durlach als Zinkpfeifen ersetzt.
Eine Veränderung in der Disposition erfolgte im Jahr 1953 mit dem Austausch von 3 Registern.
3. Orgel
Bedingt durch den Standort der Voit-Orgel und den geringen Vorsprung der Empore in das Kirchenschiff ergab sich nur wenig Platz für die Aufstellung des Kirchenchores. Im Zusammenhang mit der Kircheninnenrenovation 1957/58 wurde daher eine Änderung der Emporensituation angedacht, um hierfür entsprechend Platz zu schaffen. War zunächst offenbar nur geplant, die bestehende Orgel nach entsprechender Überarbeitung und Ergänzung in umgebautem Zustand auf einer neu eingezogenen Zwischendecke über der Empore aufzustellen, so wurde daraus im Zuge der weiteren Planung weitgehend ein Neubau der Orgel unter Weiterverwendung nur noch eines Teiles der alten Register. Das Angebot der Fa. Carl Hess, Durlach, vom 16. April 1957 empfahl u.a. dringend die Neuanfertigung sämtlicher Windladen nach deren Standard-System, der elektropneumatischen Hess’schen Membranlade. Dieses Angebot ging dann zum Preis von 45.300 DM in Auftrag.
Im Spätsommer 1957 erfolgte der Ausbau der Voit-Orgel. Mit dem Einbau der neuen Orgel wurde am 18. August 1958 begonnen; trotz Verzögerungen bei der Lieferung der Prospektpfeifen konnte die Orgelweihe wie geplant zum Kirchweihfest am 19. Oktober 1958 nachmittags um 15 Uhr stattfinden. Mitwirkende waren der Kirchen- und Knabenchor unter der Leitung von Helma Wolbert sowie Musikdirektor Henger aus Baden-Baden an der Orgel. Die Festpredigt hielt Geistlicher Rat E. Bernauer, Gernsbach, während die eigentliche Weihe durch den Dekan Geistlicher Rat Höfler aus Baden-Oos vorgenommen wurde.
Die Orgel erhielt folgende, dem o.g. Angebot entsprechende Disposition:
| Hauptwerk C-g’’’ | Oberwerk C-g’’’ | |||||
| Bourdon | 16’ | Flötenprinzipal | 8’ | |||
| Prinzipal | 8’ | Praestant | 4’ | |||
| Flöte | 8’ | Doublette | 2’ | |||
| Oktav | 4’ | Terz-Cymbel 3 fach | 1’ | |||
| Hohlflöte | 4’ | |||||
| Oktav | 2’ | Pedalwerk C-f’ | ||||
| Mixtur 5-6 fach | 1 1/3’ | Prinzipalbass | 16’ | |||
| Trompete | 8’ | Subbass | 16’ | |||
| Violonbass | 16’ | |||||
| Schwellwerk C-g’’’ | Gedecktbass | 8’ | ||||
| Quintadena | 8’ | Oktavbass | 8’ | |||
| Salicional | 8’ | Choralbass | 4’+2’ | |||
| Weitprinzipal | 4’ | Hintersatz 4 fach | 2 2/3’ | |||
| Gemshorn | 4’ | Posaune | 16’ | |||
| Waldflöte | 2’ | |||||
| Larigot | 1 1/3’ | Koppeln | ||||
| Sesquialtera 3 fach | III-I, II-I, III-II, I-P, II-P, III-P | |||||
| Scharff 4-5 fach | 1’ | |||||
| Dulcian | 16’ | Zungen ab, Walze ab, Freie Combination an, Handregister ab, | ||||
| Oboe | 8’ | Tutti | ||||
| Tremulant |
Vollständig und original aus der Voit-Orgel übernommene Register waren letztendlich nur noch Bourdon 16’, Flöte 8’, Hohlflöte 4’, Salicional 8’, Subbass 16’, Violonbass 16’, Gedecktbass 8’ (ehemals Lieblich Gedeckt 8’) und Oktavbass 8’ sowie Oboe 8’ und Terz-Cymbel aus der 1953 stattgefundenen Dispositionsveränderung. In vielen der übrigen Register fand sich weiteres Altmaterial, allerdings meistens aus diversen anderen Orgeln in abgeändertem (z.B. gekürzte Pfeifenlänge, abgetrennte Bärte) und gemischten Zustand. Etwa 10 Register wurden neu angefertigt. In Abweichung zur Disposition des Angebots (und auch der Registerbeschriftung am Spieltisch) befand sich in der Terz-Cymbel jedoch kein Terzchor; auch war der Choralbass nur in 4’-Lage gebaut, die 2’-Reihe wurde nicht ausgeführt.
Das Pfeifenwerk und die Windanlage kamen auf dem neu eingezogenen Zwischenboden sowie zwei den sogenannten „Schwalbennestern“ (= ehemalige Zugänge der 1882 abgebrochenen oberen Empore) vorgelagerten Balkone zur Aufstellung. Der Prospekt wurde als Freipfeifenprospekt mit Zink-Pfeifen der Register Prinzipalbass 16’, Prinzipal 8’ und Flötenprinzipal 8’ gebildet. Gespielt wurde die Orgel über den auf der Empore angeordneten freistehenden Spieltisch.
Im Laufe der Zeit zeigten sich die Unzulänglichkeiten des elektropneumatischen Systems in Bezug auf seine Dauerhaftigkeit, so dass bei der Kircheninnenrenovation in den Jahren 1978/79 von Seiten der damaligen Organistenfamilie Essig ein Neubau gefordert wurde. Man beließ es allerdings dabei und beauftragte den ortsansässigen Orgelbaumeister Ernst Steuer mit einer Generalüberholung zeitgleich zur Kircheninnenrenovation. Ernst Steuer hatte für die Firma Carl Hess gearbeitet und war deshalb mit dem dort verwendeten Ladenprinzip vertraut. Nach seiner Aussage befand sich die Orgel zu diesem Zeitpunkt schon in einem eher verwahrlosten Zustand. Offenbar lief die Generalüberholung etwas schleppend, so dass diese erst in der ersten Jahreshälfte des Jahres 1981 ihren Abschluss fand.
4. Orgel
Vorgeschichte
Trotz Generalüberholung zeigten sich aber ungefähr ab Mitte der 80-er Jahre wieder die gleichen Probleme am technischen System der Hess-Orgel, so dass seit Beginn der 90-er Jahre Überlegungen zu einer grundsätzlichen Lösung angestellt und mit der Bildung entsprechender finanzieller Rücklagen begonnen wurden. Ab etwa dem Jahr 2000 kam es zur ständigen Zunahme des Reparaturumfangs und Verkürzung der Reparaturintervalle; zeitweise waren einzelne Teile der Orgel nicht mehr bespielbar. Die bis dahin erstellten Gutachten diverser Orgelsachverständigen empfahlen einhellig einen Neubau des Instrumentes. Da dies ein nicht unerheblicher Kostenaufwand bedeutet hätte, suchte man nach Alternativen zur Schaffung einer möglichst dauerhaften Lösung.
Grundsätzlich wurden drei Möglichkeiten in Erwägung gezogen:
- Neubau einer Orgel (unter teilweiser Weiterverwendung von guten Registern) mit für den Raum erforderlichen Mindestregisteranzahl von ca. 25 ist mit rund 400.000 – 450.000 € die teuerste, dafür dauerhafte Lösung.
- Generalüberholung der bestehenden Orgel: Günstigste Variante, aber nicht dauerhaft; Schwachpunkte in der Technik sowie teilweises Vorhandensein von minderwertigem Pfeifenmaterial bleiben weiterhin erhalten; zudem ist zu befürchten, dass umfangreichere Arbeiten an der Elektrik notwendig werden, für welche dann Konformität zu den EU-Vorschriften gefordert ist; dies entspricht dann einer vollständigen Erneuerung der Elektrik inkl. Neubau des Spieltisches und entsprechend starke Steigerung der Kosten.
- Ankauf einer gebrauchten Orgel mit gegebenenfalls Ergänzung durch gute Bestandteile der bestehenden Orgel und/oder neu erstellte Teile. Dauerhaftigkeit hängt hierbei im Wesentlichen von der Qualität des angekauften Instrumentes ab. Zu erwartende Kostenersparnis gegenüber einem Neubau: ca. 30 bis 50 %
Konzeptionsentwicklung
Durch einen Hinweis des OSV Martin Dücker wurde die Pfarrgemeinde im Juni 2009 auf die Orgel der ehemaligen PH Esslingen aufmerksam gemacht (Firma Weigle, 1974, 38 Register), die aufgrund von Renovierungsarbeiten in der Aula kurzfristig entfernt werden musste. Aufgrund der Umstrukturierung des Studienbetriebs wurde sie dort nicht mehr benötigt und sollte zu günstigen Konditionen an eine Kirchengemeinde abgegeben werden.
Bei einer Vor-Ort-Besichtigung zeigte sie sich hierbei als ein hochwertiges Instrument mit nur kleineren, vornehmlich der Abnutzung geschuldeten Schäden. Allerdings war aus architektonischen Gründen und der räumlichen Situation am Aufstellungsort in der Pfarrkirche eine 1 zu 1 Umsetzung nicht möglich, so dass die Weigle-Orgel als Grundstock für eine neue Konzeption dienen sollte. Unter Leitung des damaligen Pfarrers Karl Sum konnte ein kurzfristiger Beschluss des Stiftungsrates zum Erwerb der Orgel erwirkt werden, welche gemeinsam mit der Firma Gaida im Sommer 2009 abgebaut und im Pfarrhaus in Elchesheim-Illingen zwischengelagert wurde.
Konzeption
Somit bot sich die Gelegenheit, die Weigle-Orgel durch gute Register der bestehenden Orgel zu ergänzen sowie eine Ausweitung der stilistischen Möglichkeiten zu erreichen, ohne dabei die in sich geschlossene Konzeption der Weigle-Orgel aufzugeben.
Auf 4 Manualwerke und dem Pedalwerk verteilen sich daher deutsche und französische Elemente des 17. bis 19. Jahrhunderts genauso wie solche aus dem anglo-amerikanischen Orgelbau des 19. und 20. Jahrhunderts. Die einzelnen Werke sind hierbei auf Turmkammer (Haupt-, Schwell- und Pedalwerk) Schwalbennestkammer (Echowerk) und Balkone (Solowerk) aufgeteilt. Insgesamt besitzt die neue Orgel knapp 3000 Pfeifen, aufgeteilt in 45 klingende Register; durch Doppelverwendung einiger Register, sogenannten Transmissionen, ergeben sich effektiv sogar 51 klingende Register. Im Zusammenspiel mit der durch Gewölbe und der dreischiffigen Kirchenanlage geprägten Raumakustik sind mit der gewählten Orgelkonzeption nun auch Klänge möglich, die man gewöhnlich eher nur großen Kathedralkirchen zuordnet.
Zwei der Manualwerke, das Schwellwerk und das Echowerk, sind mit drehbaren Lamellen verschlossen, so dass durch Öffnen und Schließen derselben ein An- oder Abschwellen von Lautstärke und Klangfarbe erreicht werden kann. Das Echo besitzt zudem eine zweite Schwellwand, welche allein betätigt zunächst indirekte Klänge in die Turmkammer abgibt, wodurch Fernwerkseffekte erzielt werden können.
Das Pfeifenwerk stammt aus den beiden Vorgängerinstrumenten von Voit (1882) und Hess (1958), zum Großteil aber aus der Weigle-Orgel der ehemaligen Pädagogischen Hochschule Esslingen (1974), jeweils qualitativ ausgewählt und entsprechend aufgearbeitet. Einige wenige Register wurden durch die für den Neubau beauftragte Firma Matz&Luge aus Rheinmünster-Stollhofen neu gefertigt oder ergänzt. Komplett neu ist der technische Aufbau, bestehend aus dem dreimanualigen Spieltisch, der elektrischen SPS-Steuerung, Windanlage und den Windladen für das Echo- und Solowerk; die Pedal-Windlade von Weigle musste für die neue Situation entsprechend umgebaut werden. Letztere bilden gewissermaßen das Herzstück der Orgel und sind in der bewährten Schleifladentechnik ausgeführt. Auf ihnen stehen die einzelnen Pfeifenreihen (Register); durch ein entsprechendes Ventilsystem wird in den Windladen der Orgelwind gezielt den jeweils angespielten Pfeifen zugeführt.
Das prägnante äußere Erscheinungsbild des bisherigen Instrumentes, die Orgelfassade, auch Prospekt genannt, konnte erhalten werden. Nach umfangreicher Aufarbeitung konnten die Prospektpfeifen ebenfalls in das neue Klangkonzept integriert werden und sind nun in neuer Funktion dem Solowerk und dem Pedalwerk zugeordnet.
Bau der neuen Orgelanlage
Die Ausführung erfolgte seit Frühjahr 2011 durch die Orgelbaufirma Matz&Luge aus Rheinmünster-Stollhofen. Zum Patroziniumsfest am 18.09.2011 erklang die bisherige Hess-Orgel zum letzten Mal in Ihrer Gesamtheit, danach fand der sukzessive Abbau statt. Ein Teil der alten Orgel (Windlade und Register des 2. Manuals sowie Windlade des 3. Manuals mit Zymbel und Hauptwerks-Trompete) wurde von ehrenamtlichen Helfern provisorisch seitlich auf die Empore umgesetzt, so dass nach nur kurzer „E-Piano“-Zeit wieder Orgelklänge den Kirchenraum erfüllten.
Es folgten Umbau- und Renovierungsarbeiten an den Standorten der neuen Orgel: Turmkammer, kindergartenseitige Schwalbennestkammer sowie die beiden Balkone vor den Schwalbennestkammern. Weiterhin wurde im letzten Deckenfeld des Kirchenmittelschiffs noch ein alter Gewölbeschaden behoben, da nach Abbau der Orgel nun die Gelegenheit bestand, ein entsprechendes Gerüst ohne Beschädigung der Orgel zu stellen.
Der Einbau der neuen Orgel begann dann – teilweise parallel oder unterbrochen durch diverse Renovierungsarbeiten - im Februar 2012. Zum Sommer 2012 war die Orgel zumindest optisch weitgehend fertig: Sämtliche Prospektpfeifen wurden nach entsprechender Aufarbeitung eingesetzt, so dass der Freipfeifenprospekt wieder stand; im Anschluss daran erfolgte dahinter der Einbau der restlichen 42 Register.
Im November 2012 wurde nach dem Verrücken des alten Spieltisches der neue freistehende Spieltisch an gleicher Stelle aufgestellt. Nach den Intonationsarbeiten, welche bis in das Frühjahr 2013 hinein stattfanden, wurde die neue Orgel am Sonntag, 28. April 2013, durch den aus Bietigheim stammenden Regionaldekan Erwin Bertsch geweiht. Der Einweihungsgottesdienst wurde musikalisch gestaltet durch PeteTex am Saxophon sowie Holger Becker an der neuen Orgel. Ein Orgelkonzert am Abend mit Dominik Axtmann, Karlsruhe, beschloss den Weihetag.
Disposition der neuen Orgel
| I. Manual, Hauptwerk (C-g‘‘‘) | ||||||
| Bourdon 16‘ | V | Echo (C-g‘‘‘), schwellbar | ||||
| Principal 8‘ | W | Geigenprincipal 8‘ | H | |||
| Rohrflöte 8‘ | W | Lieblich Gedeckt 8‘ | V / W | |||
| Oktave 4‘ | W | Quintatön 8‘ | H | |||
| Flauto dolce 4‘ | W | Salicional 8‘ | Schwarz | |||
| Quinte 2 2/3‘ | W | Celeste 8‘, ab c° | neu | |||
| Oktave 2‘ | W | Gemshorn 4‘ | H | |||
| Mixtur 4-5 fach 1 1/3‘ | W | Ferntrompete 8’ | Schwarz | |||
| Trompete 8‘ | W | Röhrenglocken c’ bis h’’ | neu | |||
| II. Manual, Schwellwerk (C-g‘‘‘) | Pedal (C-f‘) | |||||
| Holzflöte 8‘ | W | Principal 32’ (C-H akustisch) | ||||
| Gamba 8‘ | W | Principal 16‘ | H | |||
| Principal 4‘ | W | Subbass 16‘ | W | |||
| Rohrpfeife 4‘ | W | Violon 16‘ | V | |||
| Nasard 2 2/3‘ | W | Quinte 10 2/3‘ | V | |||
| Waldflöte 2‘ | W | Oktavbass 8‘ | V | |||
| Terz 1 3/5‘ | W | Flöte 8’ | V | |||
| Schwiegel 1‘ | W | Gemshorn 8‘ | W | |||
| Mixtur 5-6 fach 2‘ | W | Choralbass 4‘ | W | |||
| Zimbel 3-fach 2/3‘ | W | Posaune 16‘ | W | |||
| Dulzian-Fagott 16‘ | W | Tuba 8‘ | neu | |||
| Oboe 8‘ | W | Clairon 4‘ | W | |||
| Schalmey 4‘ | W | Röhrenglocken | neu | |||
| Tremulant | ||||||
| Koppeln | ||||||
| Solo (C-g‘‘‘) | Echo/III an, Echo sub/III, Echo super/III | |||||
| Diapason 8‘ | H | Solo/III an | ||||
| Biffaria 8’, ab c° | H | Echo/II, Echo sub/II, Echo super/II | ||||
| Gemshorn 8’ | W / ergänzt | Solo/II | ||||
| Traversflöte 8‘ | V | Echo/I, Echo sub/I, Echo super/I | ||||
| Oktave 4’ | W / ergänzt | Solo/I, II/I | ||||
| Hohlflöte 4‘ | V | Echo/P, Echo super/P | ||||
| Kornett 5-f., ab c‘ | W | Solo/P, II/P, I/P | ||||
| Tuba 8‘ | neu | |||||
| Clairon 4’ | W / ergänzt | elektrische Schleifladen | ||||
| Setzeranlage |
Erbauer:
Matz&Luge, Rheinmünster-Stollhofen, unter Verwendung von Pfeifenmaterial der Vorgängerinstrumente von Voit (V, 1882) und Hess (H, 1958) sowie des Pfeifenwerks der Aula-Orgel der ehemaligen PH Esslingen von Weigle (W, 1974)
Matz&Luge, Rheinmünster-Stollhofen, unter Verwendung von Pfeifenmaterial der Vorgängerinstrumente von Voit (V, 1882) und Hess (H, 1958) sowie des Pfeifenwerks der Aula-Orgel der ehemaligen PH Esslingen von Weigle (W, 1974)
Prospekt von Hess, 1958
Sachverständige / Disposition: Martin Dücker, Erzb. Orgelinspektor, Holger Becker
Orgelweihe: 28. April 2013











